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Bis Weihnachten sind es nur noch


"Knecht
Ruprecht"
Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Allüberall auf den Tannenspitzen
Sah ich goldene Lichtlein sitzen;
Und droben aus dem Himmelstor
Sah mit großen Augen das Christkind hervor;
Und wie ich so strolcht' durch den finstern Tann,
Da rief's mich mit heller Stimme an:
"Knecht Ruprecht", rief es, "alter Gesell,
Hebe die Beine und spute dich schnell!
Die Kerzen fangen zu brennen an,
Das Himmelstor ist aufgetan,
Alt' und Junge sollen nun
Von der Jagd des Lebens einmal ruhn;
Und morgen flieg ich hinab zur Erden,
Denn es soll wieder Weihnachten werden!"
Ich sprach: "O lieber Herre Christ,
Meine Reise fast zu Ende ist;
Ich soll nur noch in diese Stadt,
Wo's eitel gute Kinder hat."
- "Hast denn das Säcklein auch bei
dir?"
Ich sprach: "Das Säcklein, das ist hier:
Denn Äpfel, Nuss und Mandelkern
essen fromme Kinder gern."
- "Hast denn die Rute auch bei dir?"
Ich sprach: "Die Rute, die ist hier;
Doch für die Kinder nur, die schlechten,
Die trifft sie auf den Teil, den rechten."
Christkindlein sprach:" So ist es recht;
So geh mit Gott, mein treuer Knecht!"
Von drauß' vom Walde komm ich her;
Ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr!
Nun sprecht, wie ich's hier innen find!
Sind's gute Kind, sind's böse Kind?
Theodor Storm

Rudolph, das
Rentier mit der roten Nase
Hoch oben im
Norden, wo die Nächte dunkler und länger und der Schnee viel weißer
ist als in unseren Breitengraden, sind die Rentiere beheimatet. In
jedem Jahr geht der Weihnachtsmann dort auf die Suche nach den
stärksten und schnellsten Tieren, um seinen gewaltigen Schlitten
durch die Luft zu befördern. In dieser Gegend lebte eine
Rentierfamilie mit ihren fünf Kindern.. Das Jüngste hörte auf den
Namen Rudolph und war ein besonders lebhaftes und neugieriges Kind,
das seine Nase in allerlei Dinge steckte. Tja, und diese Nase hatte
es wirklich in sich. Immer, wenn das kleine Rentier-Herz vor
Aufregung ein bisschen schneller klopfte, leuchtete sie so rot wie
die glühende Sonne kurz vor dem Untergang.
Egal, ob er sich freute oder zornig war, Rudolphs Nase glühte in
voller Pracht. Seine Eltern und Geschwister hatten ihren Spaß an der
roten Nase, aber schon im Rentierkindergarten wurde sie zum Gespött
der vierbeinigen Racker. "Das ist der Rudolph mit der roten Nase",
riefen sie und tanzten um ihn herum, während sie mit ihren kleinen
Hufen auf ihn zeigten. Und dann erst in der Rentierschule! Die
Rentier-Kinder hänselten ihn wo sie nur konnten.
Mit allen Mitteln versuchte Rudolph seine Nase zu verbergen, indem
er sie mit schwarzer Farbe übermalte. Spielte er mit den anderen
verstecken, freute er sich, dass er diesmal nicht entdeckt worden
war. Und im gleichen Moment begann seine Nase so zu glühen, dass die
Farbe abblätterte.
Ein anderes Mal stülpte er sich eine schwarze Gummikappe darüber.
Nicht nur, dass er durch den Mund atmen musste. Als er auch noch zu
sprechen begann, klang es als säße eine Wäscheklammer auf seiner
Nase. Seine Mitschüler hielten sich die Rentier-Bäuche vor Lachen,
aber Rudolph lief nach Hause und weinte bitterlich. "Nie wieder
werde ich mit diesen Blödhufen spielen", rief er unter Tränen, und
die Worte seiner Eltern und Geschwister konnten ihn dabei nur wenig
trösten.
Die Tage wurden kürzer und wie in jedem Jahr kündigte sich der
Besuch des Weihnachtsmannes an. In allen Rentier-Haushalten wurden
die jungen und kräftigen Burschen herausgeputzt. Ihre Felle wurden
so lange gestriegelt und gebürstet bis sie kupfernfarben
schimmerten, die Geweihe mit Schnee geputzt bis sie im fahlen Licht
des nordischen Winters glänzten. Und dann war es endlich soweit. Auf
einem riesigen Platz standen Dutzende von Rentieren, die ungeduldig
und nervös mit den Hufen scharrten und schaurig-schöne Rufe
ausstießen, um die Mitbewerber zu beeindrucken. Unter ihnen war auch
Rudolph, an Größe und Kraft den anderen Bewerbern zumeist deutlich
überlegen. Pünktlich zur festgelegten Zeit landete der
Weihnachtsmann aus dem nahegelegenen Weihnachtsdorf, seiner Heimat,
mit seinem Schlitten, der diesmal nur von Donner, dem getreuen
Leittier gezogen wurde. Leichter Schnee hatte eingesetzt und der
wallende rote Mantel war mit weißen Tupfern übersät. Santa Claus
machte sich sofort an die Arbeit, indem er jedes Tier in Augenschein
nahm. Immer wieder brummelte er einige Worte in seinen langen weißen
Bart.
Rudolph kam es wie eine Ewigkeit vor. Als die Reihe endlich bei ihm
angelangt war, glühte seine Nase vor Aufregung fast so hell wie die
Sonne. Santa Claus trat auf ihn zu, lächelte freundlich und -
schüttelte den Kopf. "Du bist groß und kräftig. Und ein hübscher
Bursche dazu ", sprach er, "aber leider kann ich dich nicht
gebrauchen. Die Kinder würden erschrecken, wenn sie dich sähen."
Rudolphs Trauer kannte keine Grenzen. So schnell er konnte, lief er
hinaus in den Wald und stampfte brüllend und weinend durch den
tiefen Schnee.
Die Geräusche und das weithin sichtbare rote Licht lockten eine Elfe
an. Vorsichtig näherte sie sich, legte ihre Hand auf seine Schulter
und fragte : "Was ist mit dir?"
"Schau nur, wie meine Nase leuchtet. Keiner braucht ein Rentier mit
einer roten Nase!" antwortete Rudolph.
"Das kenne ich", sprach die Elfe, "ich würde gerne im Weihnachtsdorf
mit den anderen Elfen arbeiten. Aber immer, wenn ich aufgeregt bin,
beginnen meine Ohren zu wackeln. Und wackelnde Ohren mag Santa Claus
nicht."
Rudolph blickte auf, wischte sich mit den Hufen die Tränen aus den
Augen und sah eine bildhübsche Elfe, deren Ohren im Rhythmus eines
Vogelschlags hin und her wackelten.
"Mein Name ist Herbie", sagte sie schüchtern. Und während sie sich
so in die Augen sahen, der eine mit einer leuchtend roten Nase, die
andere mit rhythmisch wackelnden Ohren, prusteten sie urplötzlich
los und lachten bis ihnen die Bäuche weh taten.
An diesem Tag schlossen sie Freundschaft schwatzten bis in die Nacht
und kehrten erst am frühen Morgen heim.
Mit Riesenschritten ging die Zeit auf Weihnachten zu. Herbie und
Rudolph trafen sich in dieser Zeit viele Male im Wald. Alle waren
mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest so beschäftigt, dass
sie nicht bemerkten, wie sich das Wetter von Tag zu Tag
verschlechterte.
Am Vorabend des Weihnachtstages übergab die Wetterfee Santa Claus
den Wetterbericht. Mit sorgenvoller Miene blickte er zum Himmel und
seufzte resigniert : "Wenn ich morgen anspanne, kann ich vom
Kutschbock aus noch nicht einmal die Rentiere sehen. Wie soll ich da
den Weg zu den Kindern finden?"
In dieser Nacht fand Santa Claus keinen Schlaf. Immer wieder
grübelte er über einen Ausweg nach. Schließlich zog er Mantel,
Stiefel und Mütze an, spannte Donner vor seinen Schlitten und machte
sich auf den Weg zur Erde. "Vielleicht finde ich dort eine Lösung",
dachte er. Während seines Fluges begann es in dichten Flocken zu
schneien. So dicht, dass Santa Claus kaum etwas sehen konnte.
Lediglich ein rotes Licht unter ihm leuchtete so hell, dass ihm der
Schnee wie eine riesige Menge Erdbeereis vorkam. Santa Claus liebte
Erdbeereis. "Hallo", rief er, "was hast du für eine hübsche und
wundervolle Nase! Du bist genau der, den ich brauche. Was hältst du
davon, wenn du am Weihnachtstag vor meinem Schlitten herläufst und
mir so den Weg zu den Kindern zeigst?"
Als Rudolph die Worte des Weihnachtsmannes hörte, fiel ihm vor
Schreck der Tannenbaum zu Boden und seine Nase glühte so heftig wie
noch nie in seinem Leben. Vor lauter Freude fehlten ihm die Worte.
Erst langsam fand er seine Fassung wieder.
"Natürlich
furchtbar gerne. Ich freu' mich riesig."
Doch plötzlich wurde er sehr traurig. "Aber wie finde ich den Weg
zurück zum Weihnachtsdorf, wenn es so dicht schneit?"
Im gleichen Moment, in dem er die Worte aussprach, kam ihm eine
Idee.
"Bin gleich wieder da", rief er, während er schon in schnellem
Galopp auf dem Weg in den Wald war und einen verdutzten Santa Claus
zurückließ. Wenige Minuten später kehrten ein Rentier mit einer
glühenden Nase und eine Elfe mit wackelnden Ohren aus dem Wald
zurück. "Sie wird uns führen, Santa Claus", sagte Rudolph voller
Stolz und zeigte auf Herbie. "Mit ihren Ohren hält sie uns den
Schnee vom Leibe. Und sie kennt den Weg."
"Das ist eine prachtvolle Idee", dröhnte Santa Claus. "Aber jetzt
muss ich zurück. Auf morgen dann."
Und so geschah es, dass Santa Claus am Weihnachtstag von einem
Rentier mit einer roten Nase und einer Elfe mit wackelnden Ohren
begleitet wurde.
Rudolph wurde für seine treuen Dienste am nächsten Tag von allen
Rentieren begeistert gefeiert. Den ganzen Tag tanzten sie auf dem
großen Marktplatz und sangen dazu : "Rudolph mit der roten Nase, du
wirst in die Geschichte eingehen."
Und es muss jemanden gegeben haben, der Santa Claus und seine beiden
Helfer beobachtet hat. Sonst gäbe es sie heute nicht, die Geschichte
von Rudolph mit der roten Nase.



Hier gibt es
wunderschöne Adventskalender.
Dort könnt ihr ab dem 01. Dezember jeden Tag ein Türchen öffnen.
Viel Spaß!


Vom Christkind
Denkt euch - ich habe das Christkind gesehn!
Es kam aus dem Walde, das Mützchen voll Schnee,
mit gefrorenem Näschen.
Die kleinen Hände taten ihm weh;
denn es trug einen Sack, der war gar schwer,
schleppte und polterte hinter ihm her -
was drin war, möchtet ihr wissen?
Ihr Naseweise - ihr Schelmenpack -
meint ihr, er wäre offen, der Sack?
Zugebunden bis oben hin!
Doch war gewiss was Schönes drin;
Es roch so nach Äpfeln und Nüssen!
Anna Ritter

Als der
Nikolaus kam
In der Nacht vor
dem Christfest, da regte im Haus
sich niemand und nichts, nicht mal eine Maus.
Die Strümpfe, die hingen paarweis am Kamin
und warteten drauf, dass Sankt Niklas erschien.
Die Kinder lagen gekuschelt im Bett
und träumten vom Apfel- und Nüsseballett.
Die Mutter
schlief tief, und auch ich schlief brav,
wie die Murmeltiere im Winterschlaf,
als draußen vorm Hause ein Lärm losbrach,
dass ich aufsprang und dachte: Siehst rasch einmal nach!
Ich rannte zum Fenster, und fast noch im Lauf
stieß ich die knarrenden Läden auf.
Es hatte
geschneit, und der Mondschein lag
so silbern auf allem, als sei's heller Tag.
Acht winzige Rentierchen kamen gerannt,
vor einen ganz, ganz kleinen Schlitten gespannt!
Auf dem Bock saß ein Kutscher, so alt und so klein,
dass ich wusste, das kann nur der Nikolaus sein!
Die Rentiere
kamen daher wie der Wind,
und der Alte, der pfiff, und er rief: "Geschwind!
Renn, Renner! Tanz, Tänzer! Flieg, fliegende Hitz'!
Hui, Sternschnupp'! Hui, Liebling! Hui, Donner und Blitz!
Die Veranda hinauf, und die Hauswand hinan!
Immer fort mit euch! Fort mit euch! Hui, mein Gespann!"
Wie das Laub, das
der Herbststurm die Straßen lang fegt
und, steht was im Weg, in den Himmel hoch trägt,
so trug es den Schlitten auf unser Haus
samt dem Spielzeug und samt dem Sankt Nikolaus!
Kaum war das geschehen, vernahm ich schon schwach
das Stampfen der zierlichen Hufe vom Dach.
Dann wollt' ich
die Fensterläden zuzieh'n,
da plumpste der Nikolaus in den Kamin!
Sein Rock war aus Pelzwerk, vom Kopf bis zum Fuß.
Jetzt klebte er freilich voll Asche und Ruß.
Sein Bündel trug Nikolaus huckepack,
so wie die Hausierer bei uns ihren Sack.
Zwei Grübchen,
wie lustig! Wie blitzte sein Blick!
Die Bäckchen zartrosa, die Nas' rot und dick!
Der Bart war schneeweiß, und der drollige Mund
sah aus wie gemalt, so klein und halbrund.
Im Munde, da qualmte ein Pfeifenkopf,
und der Rauch, der umwand wie ein Kranz seinen Schopf.
Ich lachte hell,
wie er so vor mir stand,
ein rundlicher Zwerg aus dem Elfenland.
Er schaute mich an und schnitt ein Gesicht,
als wollte er sagen: "Nun, fürchte dich nicht!"
Das Spielzeug stopfte er, eifrig und stumm,
in die Strümpfe, war fertig, drehte sich um,
hob den Finger zur Nase, nickte mir zu,
kroch in den Kamin und war fort im Nu!
In den Schlitten sprang er und pfiff
dem Gespann,
da flogen sie schon über Tal und Tann.
Doch ich hört' ihn noch rufen, von fern klang es sacht:
"Frohe Weihnachten allen, und allen gut' Nacht!"
(1947 übersetzt von
Erich Kästner nach dem Gedicht von Clement Clarke Moore)




Weihnachten
Markt und Straßen stehn verlassen,
Still erleuchtet jedes Haus,
Sinnend geh' ich durch die Gassen,
Alles sieht so festlich aus.
An den Fenstern haben Frauen
Buntes Spielzeug fromm geschmückt,
Tausend Kindlein stehn und schauen,
Sind so wunderstill beglückt.
Und ich wandre aus den Mauern
Bis hinaus ins weite Feld,
Hehres Glänzen, heil'ges Schauern!
Wie so still und weit die Welt!
Sterne hoch die Kreise schlingen,
Aus des Schnees Einsamkeit
Steigt's wie wunderbares Singen -
O du gnadenreiche Zeit!
(Joseph
Freiherr von Eichendorff)

Das kleine
Mädchen mit den Schwefelhölzern
von Hans Christian Andersen
Es war so
grässlich kalt; es schneite und es begann dunkler Abend zu werden. Es
war auch der letzte Abend des Jahres, Silvesterabend. In dieser
Kälte und in dieser Dunkelheit ging auf der Straße ein kleines,
armes Mädchen mit bloßem Kopf und nackten Füßen; ja, sie hatte zwar
Pantoffeln angehabt, als sie von Hause wegging, aber was nützte das
schon! Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie zuletzt
benutzt, so groß waren sie, und die verlor die Kleine, als sie über
die Straße eilte, während zwei Wagen so erschreckend schnell
vorbeifuhren. Der eine Pantoffel war nicht zu finden, und mit dem
andern lief ein Knabe davon; er sagte, den könne er als Wiege
brauchen, wenn er selbst einmal Kinder bekomme.
Da ging nun das kleine Mädchen auf den nackten, kleinen Füßen, die
vor Kälte rot und blau waren. In einer alten Schürze trug sie eine
Menge Schwefelhölzer, und ein Bund hielt sie in der Hand. Niemand
hatte ihr den ganzen Tag hindurch etwas abgekauft; niemand hatte ihr
einen kleinen Schilling gegeben. Hungrig und verfroren ging sie
dahin und sah so eingeschüchtert aus, die arme Kleine! Die
Schneeflocken fielen in ihr langes, blondes Haar, das sich so schon
um den Nacken ringelte, aber an diese Pracht dachte sie wahrlich
nicht. Aus allen Fenstern glänzten die Lichter, und dann roch es auf
der Straße so herrlich nach Gänsebraten; es war ja Silvesterabend,
ja, daran dachte sie!
Drüben in einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine
etwas mehr vorsprang als das andere, dort setzte sie sich hin und
kauerte sich zusammen. Die kleinen Beine hatte sie unter sich
hochgezogen; aber es fror sie noch mehr, und nach Hause zu gehen,
wagte sie nicht. Sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft, nicht
einen einzigen Schilling bekommen. Ihr Vater würde sie schlagen, und
kalt war es zu Hause, sie hatten nur eben das Dach über sich, und da
pfiff der Wind herein, obwohl in die größten Spalten Stroh und
Lumpen gestopft waren. Ihre kleinen Hände waren beinahe ganz
abgestorben vor Kälte. Ach! Ein kleines Schwefelhölzchen könnte
guttun. Wenn sie es nur wagen würde, eines aus dem Bund zu ziehen,
es gegen die Wand zu streichen und die Finger zu erwärmen! Sie zog
eins heraus, ritsch! Wie es sprühte, wie es brannte! Es war eine
warme, helle Flamme, wie ein kleines Licht, als sie, es mit der Hand
umschirmte. Es war ein seltsames Licht: dem kleinen Mädchen war es,
als säße es vor einem großen, eisernen Ofen mit blanken
Messingkugeln und einem Messingrohr. Das Feuer brannte so herrlich,
wärmte so gut; nein, was war das! Die Kleine streckte schon die Füße
aus, um auch diese zu wärmen - da erlosch die Flamme. Der Ofen
verschwand, sie saß mit einem kleinen Stück des abgebrannten
Schwefelhölzchens in der Hand.
Ein neues wurde angestrichen, es brannte, es leuchtete, und wo der
Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durch- sichtig wie ein
Schleier; sie sah gerade in die Stube hinein, wo der Tisch gedeckt
stand mit einem blendend weißen Tischtuch, mit feinem Porzellan, und
herrlich dampfte die gebratene Gans, gefüllt mit Zwetschgen und
Äpfeln; und was noch prächtiger war: die Gans sprang von der
Schüssel herunter, watschelte durch die Stube, mit Messer und Gabel
im Rücken; gerade auf das arme Mädchen kam sie zu. Da erlosch das
Schwefelholz, und es war nur die dicke, kalte Mauer zu sehen.
Die Kleine zündete ein neues an. Da saß sie unter dem schönsten
Weihnachtsbaum; er war noch größer und schöner geschmückt als der,
den sie bei der letzten Weihnacht durch die Glastür bei dem Kaufmann
gesehen hatte. An den grünen Zweigen brannten tausend Kerzen, und
bunte Bilder, gleich denen, welche die Schaufenster schmückten,
sahen auf sie herab. Die Kleine streckte beide Hände in die Höhe -
da erlosch das Schwefelholz; die vielen Weihnachtslichter stiegen
höher und höher. Sie sah, jetzt waren sie zu den hellen Sternen
geworden, einer von ihnen fiel und hinterließ einen langen
Feuerstreifen am Himmel. »Jetzt stirbt jemand«, sagte die Kleine,
denn die alte Großmutter, die einzige, die gut zu ihr gewesen, aber
nun tot war, hatte gesagt: wenn ein Stern fällt, geht eine Seele
hinauf zu Gott.
Sie strich wieder ein Schwefelhölzchen gegen die Mauer, es leuchtete
ringsumher, und in dem Glanz stand die alte Großmutter, so klar, so
schimmernd, so mild und lieblich.
Großmutter«, rief die Kleine, »oh, nimm mich mit! Ich weiß, du bist
fort, wenn das Schwefelhölzchen ausgeht, fort, ebenso wie der warme
Ofen, der herrliche Gänsebraten und der große, gesegnete
Weihnachtsbaum!«
Und sie strich hastig den ganzen Rest von Schwefelhölzern an, die im
Bund waren. Sie wollte Großmutter recht festhalten; und die
Schwefelhölzer leuchteten mit einem solchen Glanz,
dass es heller war als der lichte Tag. Großmutter war früher nie so
schön, so groß gewesen; sie hob das kleine Mädchen auf ihren Arm,
und sie flogen in Glanz und Freude so hoch, so hoch dahin; und dort
war keine Kälte, kein Hunger, keine Angst, sie waren bei Gott.
Aber im Winkel beim Hause saß in der kalten Morgenstunde das kleine
Mädchen mit roten Wangen, mit einem Lächeln um den Mund - tot,
erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Der Neujahrsmorgen ging
über der kleinen Leiche auf die mit den Schwefelhölzern dasaß, von
denen ein Bund fast abgebrannt war. Sie hatte sich wärmen wollen,
sagte man. Niemand wusste, was sie Schönes gesehen hatte und in
welchem Glanz sie mit der alten Großmutter eingegangen war zur
Neujahrsfreude.


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